Wie ist der Stand der Informatikbildung in Deutschland?

Informatik, und somit Informatikbildung, ist in unserer digitalisierten Welt ein allgegenwärtiges Thema. All die Apps, die wir täglich benutzen, die Smartphones und Computer, vor denen wir sitzen oder der abendliche Film auf Netflix. Ein für viele Personen oftmals abstraktes Thema, welches doch immer beliebter wird, wenn man einen Blick auf die aktuellen Studierendenzahlen wirft. So ist laut Statista im Wintersemester 2019/2020 die Informatik tatsächlich nach der Betriebswirtschaftslehre das Studienfach mit der zweithöchsten Anzahl an Studentinnen und Studenten. Trotzdem fehlen an vielen Schulen InformatiklehrerInnen – ein recht dubioser Widerspruch.

In einem Webtalk mit Expertinnen und Experten befasste sich die Gesellschaft der Informatik am 15. März  2021 daher mit der Frage, wie es um die Informatikbildung in Deutschland allgemein, doch auch spezifisch auf Bundesländer bezogen steht. Am Talk nahmen Prof. Dr. Ira Diethelm, Dozentin an der Universität Oldenburg und Mitglied des GI-Präsidiums, Dr. Lutz Hellmig, Dozent an der Universität Rostock, Sylvia Plahl, Bildungsjournalistin, Richard Schwarz, Informatiklehrer, und Dr. Peer Stechert, Informatiklehrer und Sprecher bei FA IBS, teil, moderiert von Frithjof Nagel. In einer gemeinsamen Diskussion ergründeten die TeilnehmerInnen die Frage nach einer zeitgemäßen informatischen Bildung.

Deutsche Informatikbildung vorgestellt

Noch nie war der Aufschrei nach einer zeitgemäßen Bildung so aktuell wie heute, zu Zeiten der Covid-19-Pandemie und somit der des digitalen Unterrichts. Die Corona-Krise wirke beinahe desillusionierend in diesem Hinblick, wie die GesprächsteilnehmerInnen feststellten, und adressiert somit gleichermaßen ein lang bestehendes, doch jetzt erst heiß diskutiertes Thema: Die Bildungskrise Deutschlands.

Der Web Talk startet mit einer Präsentation seitens Richard Schwarz sowie Dr. Lutz Hellmig und stellt 3 zentrale Fragen, bezogen auf Bildung im 21. Jahrhundert:

  • Welche curricularen Vorgaben in den jeweiligen Bundesländern weisen Inhalte mit Informatikbezug auf?
  • Mit welcher Verbindlichkeit und in welchem Umfang wird der Informatikunterricht in den einzelnen Bundesländern in der Sekundarstufe I umgesetzt?
  • Welche Aussagen lassen sich über die Rolle der Schulinformatik in der gymnasialen Oberstufe in den Abiturprüfungen formulieren?

Die harten Fakten sind leider recht ernüchternd. So bieten 11 von 16 Bundesländern, wie Schwarz darlegt, keine verpflichtenden Informatikangebote an. Das bedeutet im Umkehrschluss, Schülerinnen und Schüler können prinzipiell die fünfte bis zehnte Klassenstufe absolvieren, ohne ein einziges Mal mit dem Fach Informatik in Berührung zu kommen. Hessen und Bremen verfügen über keinerlei Angebote im Sekundarbereich I. Für die Einführungsphase jedoch gibt es Angebote in allen Bundesländern innerhalb der gymnasialen Oberstufe. Eine recht dröge Errungenschaft im direkten Vergleich.

Das Kernproblem hierbei läge allerdings gar nicht mal so sehr bei den Lehrerinnen und Lehrern – nicht einmal bei den Schulen. Verantwortlich hierfür seien nämlich die KMK-Vorgaben, welche die Informatik nicht mit den Naturwissenschaften gleichstellt; ein erster Ausblick für das Diskussionsthema einer generellen Reform, die später noch aufgegriffen wird. Eigentlich sei dies schade und eine verpasste Gelegenheit, wie Schwarz vorstellt, denn immerhin sei die Informatik ein Teilaspekt verschiedener Fächer. An der Ausbildung der Informatikkenntnisse an Schulen könnten demnach viele Fächer beteiligt sein. Dennoch braucht es informatische Fachkräfte an Schulen. Vor allem für komplexere Themen, wie beispielsweise Algorithmen, seien diese unabdingbar, erklärt Schwarz.

Informatik und Gender

Eine adäquate Informatikbildung ist für unsere Gesellschaft enorm wichtig. So könne beispielsweise eine frühe Unterrichtung helfen, die Gender Gap im Arbeitsbereich der Informatik zu schließen. Immer mehr Mädchen würden dann bereits in jungen Jahren die Informatik für sich entdecken und erkennen, dass Programmieren und Informatik nicht nur Freude macht, sondern sie darin auch ziemlich gut sind.

Momentan wird jungen Mädchen immer noch vermittelt, beispielsweise in Form von Spielzeugen, dass sie in diesen Facharealen nicht arbeiten könnten; der butlerschen Wiederholung von Gender-Normen entgegenzuwirken ist eine regelrechte Sisyphos-Aufgabe, da sie ein konsequentes Umdenken vieler gesellschaftlicher Grundzüge erfordert. So seien es vor allem oftmals die Eltern, die sich abwenden, sobald deren Töchter mit der Informatik in Verbindung gebracht werden sollen.

Diethelm mahnt allerdings davor, Informatik nicht nur zu unterrichten, um die Gender Gap zu schließen, sondern aufgrund des ganz simplen Bildungsauftrags, der hiermit verbunden sei. Informatik sei nicht nur für diejenigen, die sich thematisch dafür begeistern können. Dennoch kann eine schulische Informatikbildung dem Gender Gap entgegenwirken – es sollte jedoch mehr als Nebeneffekt statt als primäres Ziel dienen.

Was können wir dagegen tun?

Die Frage nach Voraussetzungen für eine zeitgemäße und adäquate Bildung stellte Nagel der Bildungsjournalistin Plahl, die verschiedenste Schulen vor Ort zu diesem Thema besuchte. Plahl antwortete, dass es wichtig sei Schülerinnen und Schülern selbstständiges Lernen zu ermöglichen und somit ihren eigenen Wissensdurst und Forschungsdrang anzuregen, entgegen eines strikt rigiden Curriculums. Plahls Erfahrung nach können komplexe Konzepte effektiver vermittelt werden, wenn man den SchülerInnen ein freies Lernen ermöglicht, da dies zu kreativen Lösungen und aktivem Mitdenken anregt. Dazu müsse man jedoch bereits in jungen Jahren starten – und um all dies zu erreichen, müsse man auch schulreformerisch denken.

Plahl bemerkt, dass auch viele Schülerinnen und Schüler sich ein schulisches Umdenken wünschen, denn die heutige Schuldidaktik sei schlicht und ergreifend altbacken – eine Reform im Sinne neuer Generationen und wie man diese auf die heutige Welt vorbereitet, nicht die von vor 50 Jahren. Informatik könne dabei eine zentrale Rolle spielen.

Kann man mit Bildungspolitik nur verlieren?

Ist dies eventuell der Kern des Problems mangelnder Repräsentation der Informatikbildung? Dass Bildung doch eigentlich ganz vorne stehen müsste, ist naheliegend – schließlich ist sie gleichzustellen mit der Zukunft Deutschlands, doch auch der Welt im allgemeinen. Das Problem hierbei ist einzig und allein, dass Schule und Bildung natürlich nicht die einzige Schwierigkeit ist, der sich die Politik annehmen muss – und obendrein ist es eine, welche viele wahlberechtigte und somit erwachsene Personen nur minimal tangiert, da diese allerhöchstens über ihre Kinder in Kontakt mit dem Bildungssystem treten. Es sind dementsprechend zumeist auch die nicht wahlberechtigten Personen – die Schülerinnen und Schüler – die am ehesten eine Reform wünschen. Doch gibt man ihnen kein Mitgestaltungsrecht.

Tatsachen, welche Plahl scharf kritisiert, denn diese sieht häufig wirklich gute Ideen, die jedoch schlicht und ergreifend aufgrund eines zu starren Bildungssystems nicht implementiert werden. Ein konsequenter Mangel an Fachkräften an den Schulen ist dabei wenig hilfreich. Vor allem in puncto Informatikbildung ist dies bedauernswert, denn um die digitalisierte Welt zu verstehen, brauchen wir nun einmal die Informatik. Einen Lichtblick hierbei kann Diethelm bieten, welche richtig bemerkt, dass Bildung natürlich stets ein „Änderthema“ bleibt.

Braucht Informatikbildung ein Rebranding?

Diese Frage stellte Nagel abschließend Herrn Stechert. So scheint Informatik für Außenstehende stellenweise unattraktiv – wie eine Ansammlung von Zahlenblöcken und komplexen Eigensprachen, die allein wegen ihres schwierigen Einstiegs für Schulen und SchülerInnen gleichermaßen wenig interessant sind. Eine Frage, welche Stechert klar verneint – stattdessen sollte man versuchen ein weitaus facettenreicheres Bild der Informatik zu kommunizieren. Denn dieser augenscheinliche Ersteindruck, dass die Informatik so unzugänglich ist, entspricht ganz einfach nicht den Tatsachen.

Schließlich hat die Informatik durchaus Themengebiete aufzuweisen, die eine Vielzahl von Personen begeistert. Themenkomplexe wie Apps, Data Literacy oder auch Künstliche Intelligenz, die uns allgemein umgegeben, sind gute Anhaltspunkte um ein Interesse an der Informatik zu wecken. Stechert stellt fest, dass ein Rebranding nicht unbedingt nötig ist, sondern dass man die Aufmerksamkeit viel eher auf Themen wie diese lenken sollte. Und somit endet der Talk mit dem Schlusswort Stecherts:

Es mangelt nicht an spannenden Themen innerhalb der Informatik – es wäre schön, wenn dies endlich anerkannt und schulisch umgesetzt werden würde.“ 

Und genau dafür setzen wir uns als App Camps ein. Mit unseren kostenlosen Unterrichtsmaterialien zu vielfältigen Themen, wollen wir es den Lehrkräften erleichtern Informatik in den Unterricht zu integrieren. Und das muss auch nicht nur im Informatik-Unterricht sein. Mit unseren Unterlagen können SchülerInnen eine Zeichen-App im Kunstunterricht erstellen, eine Yoga-App im Sportunterricht gestalten oder das vielfältige Thema Medienkompetenz in Deutsch, Wirtschaft oder Gesellschaftskunde behandeln. Mit etwas Kreativität und einem flexibleren Umgang mit Lehrplänen können noch viele Schülerinnen und Schüler die spannende Welt der Informatik entdecken.